Kraftstoffreserven für UL-Piloten: 30 Minuten sind kein Vorschlag
Jeder Pilot lernt in der Grundausbildung die Regel der **30-minütigen VFR-Kraftstoffreserve**. Die meisten Piloten vergessen, dass es sich dabei um das gesetzliche **Minimum** handelt, nicht um den Zielwert. Die Zahl auf deiner Tankanzeige…
Jeder Pilot lernt in der Grundausbildung die Regel der 30-minütigen VFR-Kraftstoffreserve. Die meisten Piloten vergessen, dass es sich dabei um das gesetzliche Minimum handelt, nicht um den Zielwert. Die Zahl auf deiner Tankanzeige beim Aufsetzen sollte niemals 30 Minuten betragen — sie sollte höher sein. Die Piloten, die routinemäßig mit 30 Minuten landen, sind auch die Piloten, die gelegentlich mit 5 Minuten landen, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Dies ist der praktische Leitfaden zu Kraftstoffreserven, der dich tatsächlich sicher hält.
Die Regel, entschlüsselt
In den meisten Rechtsordnungen beträgt die gesetzliche VFR-Kraftstoffreserve 30 Minuten beim Reiseverbrauch. Für IFR sind es 45 Minuten plus Kraftstoff zum Ausweichflugplatz. Der genaue Wortlaut variiert (FAA, EASA, einzelne nationale Luftfahrtbehörden), aber der Schwellenwert ist universell:
- Tag-VFR: 30 Min. Reserve beim Reiseverbrauch
- Nacht-VFR: 45 Min. Reserve in den meisten Rechtsordnungen
- IFR: Kraftstoff zum Zielflugplatz + Kraftstoff zum Ausweichflugplatz + 45 Min. Reserve beim Reiseverbrauch
Für eine Tecnam P92 Echo MkII mit einem Verbrauch von 17 l/h entsprechen 30 Minuten 8,5 Litern. Für eine Shark 600 mit einem Verbrauch von 20 l/h bei 75 % Leistung entsprechen 30 Minuten 10 Litern. Das sind winzige Kraftstoffmengen — leicht aufgebraucht durch einen einzigen Fehlanflug oder eine Warteschleife.
Tankkapazität vs. verwendbarer Kraftstoff
Der erste Realitätscheck: Tankkapazität ist nicht gleich verwendbarer Kraftstoff. Ein 90-Liter-Tank liefert nicht 90 Liter Reisekraftstoff. Er liefert:
- Gesamttankkapazität: z. B. 90 l
- Abzüglich unverwendbarem Kraftstoff: 1–3 l pro Tank, die der Kraftstoffabnehmer nicht erreichen kann (besonders bei Tiefdeckern in unkoordinierten Kurven)
- Abzüglich Kraftstoff für Rollen + Steigflug: typischerweise 3–5 l, bevor die Reiseflughöhe erreicht ist
- Abzüglich Reserve: 30 Min. beim Reiseverbrauch
Für die P92 Echo MkII (90-l-Tank, 17 l/h im Reiseflug):
- Unverwendbar: ~2 l → 88 l verwendbar
- Rollen + Steigflug: ~3 l → 85 l für den Reiseflug
- Reserve (gesetzliche 30 Min.): 8,5 l → 76,5 l verfügbar für die eigentliche Reisestrecke
- Reichweite bei 76,5 l × 213 km/h ÷ 17 l/h = ~960 km
Vergleiche das mit der Broschürenangabe von 1.296 km. Die Broschüre setzt voraus, dass du fliegst, bis der Tank leer ist, was in jeder Rechtsordnung illegal ist. Das realistische Maximum liegt etwa 25 % darunter.
Gegenwind: der stille Spritkiller
Ein Gegenwind von 15 kt auf einer Strecke von 200 NM verlängert die Flugzeit um über 30 Minuten und den Kraftstoffverbrauch um über 8 Liter. Wenn deine Vorflugberechnung lautete „Wir landen mit genau 30 Min. Reserve", frisst der Gegenwind die Reserve auf.
Die Disziplin:
- METAR + TAF + Höhenwinde für deine Route abrufen (Planner erledigt das automatisch)
- Geschwindigkeit über Grund für deine geplante Reiseflughöhe mit den tatsächlichen Winden berechnen
- Wenn die GS mehr als 10 % unter der TAS liegt, plane 10 % zusätzlichen Kraftstoff ein
- Wenn die GS mehr als 20 % unter der TAS liegt, plane die Route neu oder wähle ein näheres Ziel
Für die Tecnam P2010 TDI auf einem 700-km-Überlandflug mit 15 kt Gegenwind:
- TAS 250 km/h, Gegenwind 28 km/h → GS 222 km/h
- Zeit bei GS: 700 / 222 = 3h 09m
- Zeit bei TAS: 700 / 250 = 2h 48m
- Differenz: 21 Min. = ~7 l zusätzlicher Kraftstoff
- Neue Reserve: 30 Min. - 21 Min. = 9 Min. Unter dem gesetzlichen Minimum.
Praktische Antwort: Plane bei Gegenwind einen Puffer von 1 Stunde zur veröffentlichten Reichweite ein. Wenn der Planner sagt „machbar mit 30 Min. Reserve", willst du eigentlich „machbar mit 1 Stunde Reserve" haben, bevor der Gegenwind ins Spiel kommt.
Die „1-Stunden-Landeregel"
Erfahrene Überlandpiloten haben eine Regel: Lande immer mit mindestens 1 Stunde Kraftstoff, unabhängig von den gesetzlichen Mindestwerten. Die Begründung:
- 1 Stunde reicht aus, um zu einem echten Ausweichflugplatz auszuweichen, falls dein Ziel geschlossen ist (Wetter, Pistenvorfall, defekte Kraftstoffpumpe)
- 1 Stunde fängt unerwartete Verzögerungen ab (Warteschleifen wegen Verkehr, ATC-Vektoren)
- 1 Stunde reicht aus, um ein nicht kontrolliertes Feld zu finden und sicher zu landen, wenn alles schiefgeht
Die Kosten: 30 Minuten Kraftstoff pro Strecke. Für einen 200-NM-Überlandflug sind das ~10 l zusätzliche Reserve. Für eine Tecnam P92 Echo MkII ist das der Unterschied zwischen einer 1.296-km-Strecke (null Marge) und einer 1.000-km-Strecke (1-Stunden-Marge).
Für UL-/LSA-Piloten, die lokal nach Tag-VFR fliegen, ist die 1-Stunden-Regel ziemlich sicher übertrieben — du bist vermutlich nie weit von einem vertrauten Feld entfernt. Für Überlandpiloten, besonders über Wasser, Bergen oder abgelegenen Gebieten, ist sie die Untergrenze, die die schlimmsten Folgen verhindert.
Disziplin am Tankumschalter
Die meisten Tiefdecker-UL-/LSA-Flugzeuge haben einen Tankumschalter links/rechts. Die Disziplin:
- Wechsle die Tanks alle 30 Minuten im geraden Horizontalflug, um den Kraftstoff auszugleichen
- Wähle für Start und Landung immer den volleren Tank (das gibt dir einen Puffer aus unverwendbarem Kraftstoff bei Problemen am Abnehmer)
- Lasse einen Tank niemals absichtlich leerlaufen, auch wenn du ihn „aufbrauchen" willst — der Triebwerksneustart auf dem anderen Tank kostet wertvolle Sekunden
Für die Shark 600 mit 100 l (50 l × 2) ist die Wechseldisziplin entscheidend, weil die Zelle empfindlich auf seitliche Kraftstoffunwucht reagiert und der Autopilot (falls installiert) mit Seitenruder-Trimmung kompensiert, was du womöglich gar nicht bemerkst.
Das Reserve-%-Feld in Voliqo
Im Planner steuert das Feld Reserve %, wie viel deiner Tankkapazität als Reserve abgezogen wird, bevor die Reichweite berechnet wird. Der Standardwert ist 10 %, aber die tatsächliche Bedeutung ist:
- Reserve % = 10 → Reichweite wird mit 90 % der Tankkapazität für den Reiseflug berechnet
- Reserve % = 15 → Reichweite wird mit 85 % der Tankkapazität berechnet
- Reserve % = 25 → Reichweite wird mit 75 % der Tankkapazität berechnet (Annäherung an die „1-Stunden-Regel")
Intern rechnet der Planner diesen Prozentsatz in Liter × Reiseverbrauchsrate × 60 Minuten um. Der Reserve-Prozentsatz wird mit fuelCapacityLiters multipliziert, um die Reserve in Litern zu berechnen, und dann vom verwendbaren Kraftstoff abgezogen.
Empfohlene Einstellungen:
- Tag-VFR lokal, ruhiger Wind: 10 % (in etwa gesetzliches Minimum)
- Tag-VFR Überland, leichter Wind: 15 %
- Überland mit Wetterrisiko: 20 %
- Über Wasser, Bergen oder abgelegenen Gebieten: 25 %
- Nacht-VFR: 25 %
- IFR (sobald unterstützt): 30 %
Wenn die Rechnung nicht aufgeht
Manchmal machst du die ganze Rechnung und die Antwort lautet „nicht genug Kraftstoff". Drei Optionen:
- Wähle ein näheres Ziel (teile den Flug in zwei Strecken auf)
- Wähle ein anderes Flugzeug (eine Tecnam P-Mentor mit 9h30 Flugdauer gibt mehr Marge als eine P92 Echo MkII mit 5h)
- Warte auf besseres Wetter (Kraftstoffberechnungen mit Rückenwind funktionieren; warte, bis der Wind dreht)
Was du NICHT tun solltest: den Tank leerlaufen lassen, „5 Minuten gesetzlich" als Reserve akzeptieren oder die Reserve „nur dieses eine Mal" ganz weglassen. Die Piloten, die das routinemäßig tun, sind die Piloten, denen irgendwann im Endanflug der Sprit ausgeht.
Kraftstofferschöpfung vs. Kraftstoffunterversorgung
Eine subtile Unterscheidung, die es zu kennen lohnt:
- Kraftstofferschöpfung: Tanks leer. Du hast den Sprit aufgebraucht.
- Kraftstoffunterversorgung: Kraftstoff ist in den Tanks vorhanden, erreicht aber das Triebwerk nicht. Falscher Tankumschalter, defekte Kraftstoffpumpe, blockierte Leitung.
Bei Unfällen durch Kraftstoffunterversorgung sind beim Landen außerhalb des Flugplatzes typischerweise mehr als 30 Min. Kraftstoff an Bord. Die Tanks waren nicht leer; der Kraftstoff kam einfach nicht zum Triebwerk. Vorflugkontrolle des Tankumschalters, der elektrischen Kraftstoffpumpe (falls installiert) und der Leitungen ist die Prävention.
Fazit
Die 30-minütige VFR-Kraftstoffreserve ist die gesetzliche Untergrenze. Echte Überlandpiloten zielen auf 1 Stunde. Gegenwinde fressen Reserven unsichtbar auf. Tankkapazität ist nicht verwendbarer Kraftstoff; verwendbarer Kraftstoff ist nicht Endurance-Kraftstoff.
Für UL-Piloten, die nach Tag-VFR fliegen, sollte Sprit-Angst minimal sein — du fliegst selten irgendwohin, das nicht innerhalb von 30 NM von einer Tankstelle entfernt ist. Für Überlandpiloten ist Kraftstoffdisziplin der Unterschied zwischen 30 Jahren ereignislosem Fliegen und dem unerwünschten Telefonanruf vom Rand eines Feldes.
Plane mit mindestens 20 % Marge. Lande mit mindestens 1 Stunde Kraftstoff. Vertraue niemals der Reichweite aus der Broschüre.